Eine neue Kaffeerealität für Kolumbien

Im Gespräch mit dem Kolumbianer Martín Rojas bekommt man bereits nach wenigen Sätzen das Gefühl, dass dieser Mensch für eine ganz besondere Sache brennt. Seine Mission: Er will das, was er „die globale Kaffeerealität“ nennt, durch ein nachhaltigeres und faireres System ersetzen und „Geschäftsideen für Entwicklung“ unterstützt ihn dabei. Der große Zuspruch für sein Start-up „Hilo Café“ zeigt, dass der 31-Jährige, der sich in seinem Master an der Universität Leipzig mit den Möglichkeiten und Herausforderungen im Übergang zu einer nachhaltigen Gesellschaft auseinandergesetzt hat, gleich in mehrerer Hinsicht den Zeitgeist trifft.

Gründer Martín Rojas und sein Team

„Mit Hilo Café bauen wir ein alternatives Handelssystem auf. Ein System, das Komplexität reduziert und das auf Vertrauen und Transparenz basiert statt auf Gewinnmaximierung auf Seiten der Zwischenhändler.“

HILO CAFÉ

  • Gegründet im Jahr 2019
  • Umsatz: 500 Kilo Kaffee 2019, 3.500 Kilo Kaffee 2020 (Plan)
  • Martín und sein Team sitzen in Leipzig, Hamburg und Berlin
  • Die Kaffeebauernfamilie, die den Rohstoff für Hilo Café liefert, sitzt im Nordwesten Kolumbiens
  • Website: https://hilo.cafe
  • YouTube-Film

Koloniale Denkmuster überwinden

Laut Rojas sieht die globale Realität für den Kaffeehandel aktuell so aus: Kaffeebohnen sind das wichtigste Agrargut im globalen Nord-Süd-Handel. Wertmäßig ist die Kaffeebohne der wichtigste Rohstoff nach Rohöl, mengenmäßig ist Kaffee das weltweit am häufigsten konsumierte Getränk nach Wasser. Ein Großteil dieses Rohstoffs stammt aus kleinbäuerlichen Betrieben. In Kolumbien sind es 90 Prozent. Jahr für Jahr mühen sich viele Bauern ab und bekommen, wie etwa 2018 und 2019, immer weniger Geld für den Rohstoff, den sie liefern, und so auch für ihre Arbeit. Die Kaffeepreise für Konsumenten in anderen Teilen der Welt fallen währenddessen aber keineswegs. 

Rojas erklärt: „Im konventionellen Kaffeesystem verdienen vor allem die Zwischenhändler. Die Bauern können kaum von ihrer Arbeit leben, sie sind gefangen in einem jährlichen Kreislauf aus ‚Schulden machen’ und ‚Schulden abbezahlen’. Sie sind dem konventionellen Kaffeesystem quasi ausgeliefert. Auch die Weiterverarbeitung der Kaffeebohnen, insbesondere das Rösten, erfolgt in der Regel nicht in den Herkunftsländern, sondern in den Zielländern. Diesem ausbeuterischen System wollen wir mit Hilo Café etwas entgegensetzen.“

Die Geschäftsidee

Hilo Café nimmt kolumbianischen Bauern ihre Kaffeebohnen zu fairen Konditionen ab, kümmert sich um die Weiterverarbeitung der Bohnen und vermarktet das Endprodukt in Deutschland. Dafür gründet das Start-up sowohl in Kolumbien als auch in Deutschland eine Firma. „Hilo“ bedeutet im Deutschen „Faden“. Martín Rojas versucht diesen Faden, diese Verbindung zwischen kolumbianischen Kaffeebauern und deutschen Kaffeekonsumenten herzustellen – und zwar direkt, ohne weitere Zwischenhändler. „Das Leben und die Kultur eines Kaffeebauers und die eines Kaffeeliebhabers in Europa könnten unterschiedlicher nicht sein. Ich verstehe mich deshalb auch als Vermittler zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Welten. Das, was ich tue, ist also eine Art kulturelle Übersetzungsleistung“, so Rojas.

Kolumbien: Andrés Giraldo beim Trocknen der Kaffeebohnen. Foto: Daniel Avalos / Nítido Fotografia

Besuch in Kolumbien: Martín (zweiter von rechts) und einige Mitinitiatoren und Unterstützer von Hilo Café bei den Giraldos, einer Familie, die seit drei Generationen Kaffee anbaut und die Kaffeebohnen für den Hilo Kaffee liefert. Foto: Daniel Avalos / Nítido Fotografia

Wissen wo das Produkt herkommt und wo das Geld hingeht

„Hilo Kaffee schmeckt großartig und fühlt sich noch besser an“ lautet der Slogan von Hilo Café. Denn, wer Hilo Kaffee trinkt, weiß genau, wo sein Kaffee herkommt. Nämlich von der Familie Giraldo aus dem Nordwesten Kolumbiens. Er hat zudem die Gewissheit, dass er mit seinem Konsum niemanden ausbeutet bzw. niemandem schadet. Im Gegenteil: Er ermöglicht dieser kolumbianischen Kaffeebauernfamilie ein stabiles Einkommen, denn – und das ist eine weitere Besonderheit von Rojas alternativer Kaffeerealität: Hilo zahlt den Giraldos ein festes monatliches Einkommen, von dem sie gut leben können.

Begutachtung der Kaffeebohnenqualität vor Ort: Kaffeebauer Andrés Giraldo links, Martín Rojas Mitte sowie ein weiteres Mitglied des Hilo Netzwerks. Foto: Daniel Avalos / Nítido Fotografia

Transparenz ist Hilo Café wichtig. Diese Abbildung von Hilos Webseite zeigt detailliert auf, wo welche Kosten entstehen. Die Prozentangaben beziehen sich auf den Endpreis des Produkts.

Weg von der Verschuldung und der Abhängigkeit vom Weltmarktpreis

Kurz vor der Ernte erhält die Familie von Hilo einen weiteren Betrag, damit sie die Ernte finanzieren und keinen Kredit mit hohen Zinsen aufnehmen muss. Rechnet man diese Zahlungen hoch, bekommen die Giraldos laut Rojas mehr für ihre Arbeit als andere Bauern, die für das konventionelle System arbeiten. Ein solches alternatives Entlohnungssystem schütze die Bauern nicht nur vor Verschuldung, es sorge auch dafür, dass sie den schwankenden Weltmarktpreisen nicht schutzlos ausgeliefert seien. 

Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins beschreibt die Kaffeebäuerin Doña Alicia Giraldo so: „Warum können wir Bauern den Preis für unsere Arbeit und das, was wir herstellen, nicht mitbestimmen? Warum bestimmen ausschließlich jene den Preis, die uns unser Produkt abkaufen? Hilo gibt uns die Hoffnung, dass wir nach Jahrzehnten der Ausbeutung endlich Anerkennung für unsere harte Arbeit bekommen und dass unsere Enkelkinder einmal in einem humaneren System arbeiten werden als wir.“

Soziale Verantwortung: Hilo Café engagiert sich für die Bildung junger Menschen in der Region, aus dem das Unternehmen seinen Kaffee bezieht. Foto: Gemeinde Jardín

Im Nordwesten Kolumbiens, in der Vereda Morro Amarillo im Departamento Antioquia, wachsen 2000 Meter über dem Meeresspiege die Kaffeebohnen für den Hilo Kaffee. Foto: Daniel Avalos / Nítido Fotografia

Soziales Engagement und höherer „Return to Origin“

Was das Leben der nachwachsenden Generation dort, wo Doña Alicia Giraldo und ihre Familie ihre Kaffeebohnen anbauen, bereits heute humaner macht: Hilo führt in dieser Region auch Bildungsprojekte durch. „Weil es uns um Nachhaltigkeit, Langfristigkeit und Gerechtigkeit geht“, erklärt Rojas. Hilo geht es aber auch darum, dass der größte Teil der Wertschöpfung im Ursprungsland verbleibt. Das sind neben der Produktion der Kaffeebohnen auch die Verarbeitung, insbesondere die Röstung, und die Herstellung der Verpackung. „Sieht man sich den Return to Origin an – also den Anteil des Geldes, der bezogen auf den Endpreis im Herkunftsland verbleibt –, so lag der bei Hilo 2019 bei 51 Prozent. Im konventionellen Kaffeesystem liegt dieser Wert meist bei weit unter 10 Prozent“, so Rojas.

Aktiv am Wandel mitwirken

2019 ging Hilo Café an den Start, zunächst mit einem Pilot von 500 Kilo gerösteten Kaffeebohnen. Dank einer erfolgreichen Crowdfunding Kampagne plant das Start-up-Unternehmen in diesem Jahr nun die gesamte Ernte der Giraldos abzunehmen. Das entspricht 3.500 Kilo Kaffeebohnen. Künftig will das Start-up den Absatz und die Produktion weiter ausbauen und so auch anderen Familien ein regelmäßiges Einkommen ermöglichen.

 „Die Crowdfunding-Kampagne war für uns sozusagen der Proof of Concept, der Beweis, dass unser System auf Interesse bei potenziellen Konsumenten trifft. Durch diese Kampagne konnten wir bereits viele Unterstützer gewinnen. Menschen, die bereit sind, sich langfristig an Hilo zu beteiligen, indem sie eine Art Abo mit Hilo bzw. mit den Giraldos abschließen“, erklärt Rojas. 

„Natürlich brauchen wir solche Konsumenten mit sozialem Verantwortungsgefühl. Um aber einen wirklichen systemischen Wandel bewirken zu können, braucht Hilo auch andere private und öffentliche Unterstützer, denen Nachhaltigkeit und nachhaltiger Kaffeekonsum wichtige Anliegen sind“, beschreibt Rojas die aktuell größte Herausforderung seines Start-ups. 

Doch Hilo Café ermöglicht nicht nur Kaffeeliebhabern, aktiv an einem Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit mitzuwirken. Auch das internationale Team an Freiwilligen, das sich um den jungen Kolumbianer Martín Rojas herum gebildet hat und in Leipzig, Berlin und Hamburg sitzt, treibt der Wunsch nach Wandel an. Rojas beschreibt sein interdisziplinäres Team so: „Wir sind zwischen 24 und 42 Jahren alt, kommen von unterschiedlichen Kontinenten, aber haben alle denselben Wunsch: Wir wollen neben unseren Jobs noch etwas Bedeutungsvolleres tun, etwas, bei dem wir uns als Mensch und nicht als bloße Arbeitskraft einbringen können. Und wir wünschen uns eine Welt, die nicht Gewinn und Wachstum, sondern Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt.“

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