Moderne IT-Infrastruktur für Kamerun – mit Know-how made in Germany und viel Patriotismus

Vor drei Jahren kündigte Romeo Nwansi seine Festanstellung als Systemingenieur bei einer der größten deutschen IT-Firmen und tauschte sie gegen die Ungewissheit in Kamerun ein. Das enge Korsett eines Angestellten sei nie das Richtige für ihn gewesen, sagt der 38-Jährige, der sich selbst als IT-Nerd bezeichnet.

Romeo Nwansi

„Ich gehöre nicht zu den Kamerunern, die zurück nachhause kommen und zu Rechtfertigung das Land schönmalen und sich schämen, die Wahrheit zu sagen. Mein Leben als Unternehmer in Kamerun ist um einiges härter als es mein Leben in Deutschland war. Mehr Arbeit, weniger Geld und viele Steine auf dem Weg. Aber wenn wir die Dinge in Kamerun ändern wollen, müssen wir schon selbst mit anpacken.“

Der schwere erste Schritt

Romeo kann sich noch genau an den Tag erinnern, als er seine Kündigung aufsetzte. Kurz davor rief er seinen kamerunischen Freund Giscard an und fragte ihn: „Ich mache jetzt Ernst und kündige. Du bist Dir also absolut sicher, dass wir nach Kamerun zurückgehen und die Firma gründen?“ Der Freund hatte damals zwei Wochen länger Zeit als Romeo, um seine Kündigung einzureichen. „Ja, ich bin mir sicher“, antwortete ihm der Freund. Zwei Wochen später aber rief auch er Romeo an, um seinerseits zu fragen, ob sich Romeo noch sicher sei und auch tatsächlich gekündigt habe.

Die Geschäftsidee

Zwei in Deutschland ausgebildete IT-Nerds, der eine Softwareentwickler, der andere Netzwerktechniker, machen sich 2016 mit einem gut ausgearbeiteten Business Plan also auf den Weg nach Douala. Ihre Frauen und Kinder lassen sie schweren Herzens in Deutschland zurück, um sich in Kamerun in die Gründung ihrer Firma „Toltec Consulting“ und in die Arbeit zu stürzen. Ihre Vision ist keine geringere, als die immer noch hauptsächlich auf Papier basierende Arbeitsweise in kamerunischen Institutionen durch moderne IT-Anwendungen zu verbessern und effizienter zu machen. Romeo sagt: „Wir ahnten, dass uns das viel Überzeugungsarbeit kosten würde, denn digitale Prozesse stellen bestehende Strukturen und Wertvorstellungen in Frage, ja sie verändern das Beziehungsgeflecht zwischen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. So können IT-Anwendungen beispielsweise die Transparenz und Rechenschaftslegung verbessern. Aber was macht man, wenn potenzielle Kunden in Kamerun das erst mal nicht als Verbesserung, sondern als schwer kalkulierbares Risiko sehen?“

Romeo Nwansi bei einem weiteren Kunden: Herr Gweningom von Gima Bambot Healthcare, einem Anbieter von Consulting, Training und medizinischen Geräten im Gesundheitssektor. © Jean-Pierre Kepseu

Regelmäßig besucht Romeo Nwansi einen seiner wichtigsten Kunden: das Centre Médical La Cathedrale in Yaoundé. Hier begrüßt er die stellvertretende Geschäftsführerin des Krankenhauses, Sylvie Tagni Zukam. © Jean-Pierre Kepseu

Schlaflose Nächte

Der erste Kunde, den Romeo an Land ziehen konnte, war ein großes Krankenhaus, das Centre Médical La Cathedrale. Toltec Consulting nahm die Arbeitsabläufe des Krankenhauses unter die Lupe und entwickelte maßgeschneiderte IT-Anwendungen, um sie zu optimieren, zu beschleunigen und weniger fehleranfällig zu machen. Es ging zum Beispiel darum, das Patienten- und Lohn- und Rechnungsmanagement zu digitalisieren, den Bestand von Medikamenten, die Verfügbarkeit von Betten und auch die Kommunikation mit diversen Versicherern besser in den Griff zu bekommen. Romeo erinnert sich: „Um den Betrieb im Krankenhaus nicht lahmzulegen, machten wir bzw. machte ich unsere Testläufe immer nachts. Ich habe mir damals viele Nächte im Krankenhaus am Rechner um die Ohren geschlagen – und war drei Stunden später wieder im Büro.“

Die stellvertretende Geschäftsführerin des Centre Médical La Cathedrale, Sylvie Tagni Zukam, sagt: „Die externen IT-Firmen, mit denen wir vor Toltec Consulting zusammengearbeitet haben, verstanden unsere sehr spezifischen Problemstellungen nicht hinreichend und ließen uns mit Anwendungen zurück, die nicht gut funktionierten. Mit Toltec Consult ist das anders. Die Zusammenarbeit ist sehr flüssig und wir fühlen uns immer gut verstanden, beraten und begleitet, insbesondere wenn es darum geht, wichtige Entscheidungen zu treffen. Auch wenn uns die neuen IT-Anwendungen erst einmal Geld kosten, durch sie können wir an ganz vielen Stellen auch Kosten einsparen.“

Romeo Nwansi in seinem Element. Knifflige IT-Aufgaben sind die Leidenschaft des 38-jährigen IT-Nerds. © Jean-Pierre Kepseu

Die beiden Gründer von Toltec Consult, Romeo Nwansi (rechts hinten) und Giscard Chamou (Mitte hinten), zusammen mit ihrem Team in ihrem Büro in Douala. © Jean-Pierre Kepseu

Toltec Consulting

  • gegründet 2016
  • zunächst zwei, jetzt drei Geschäftsführer
  • 5 Mitarbeiter und 2 Praktikanten (Stand Oktober 2019)
  • unterstützt durch Geschäftsideen für Entwicklung/CIM
  • www.toltec-consulting.com

Andere kleine und große Opfer

Dem ersten Krankenhaus folgten zwei weitere Kunden, ein Hotel und ein Reiseunternehmen. Die Firma läuft, aber die Zahlungsmoral der Kunden lässt Romeo und seine mittlerweile zwei Geschäftspartner manchmal verzweifeln. „Wir haben in den letzten Jahren viel gelernt. Größere Aufträge nehmen wir heute zum Beispiel nur noch mit Vorauszahlung an“, sagt der Unternehmer im IT-Nerd, der am Ende eines Tages schon mal bemerkt, dass er vergessen hat zu essen, und der nicht nur von sich, sondern auch von seinen Mitarbeitern Opfer fordert. Vom langen Reden bei Vorstellungsgesprächen ist er mittlerweile komplett abgekommen. Romeo stellt den Bewerbern eine konkrete Aufgabe und gibt ihnen zwei Stunden, sie zu lösen. Die Aufgabe ist – wohlgemerkt – nicht zu lösen. „Wer nach vier oder fünf Stunden eingesteht, die Aufgabe immer noch nicht gelöst zu haben, ist unser Mann“, sagt Romeo.

Die größte Entbehrung, die er für sein Unternehmen privat auf sich nimmt, ist die große Distanz zu seinen beiden Kindern. „Sie wachsen de facto ohne mich auf und Skype hilft da nur bedingt. Meine zweijährige Tochter verweigert sich gerade mit mir zu skypen. Das bricht mir manchmal das Herz. Ohne den Rückhalt meiner Frau und Familie, die fest an mich glauben, und ohne meinen gesunden Patriotismus hätte ich vermutlich schon aufgegeben. Was bei Frustration aber definitiv hilft: Lachen. Und wir lachen viel im Büro.“

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